Die Gutmensch-Falle

Heute ein Gastblog von Claudia Mainau !!

Claudia Mainau

Wahrscheinlich steckt in jeder/m von uns ein wirklich guter Mensch.

 Die einen wissen es, aber sonst merkt’s keiner. Sie können sich halt als gute Menschen nicht so recht verwirklichen oder sie würden schon, wenn man sie nur ließe. Die andern glauben es nicht und sind doch die geborenen Wohltäter.

 Bei mir ist es so: Ich hab keine Ahnung, ob ich ein guter Mensch bin, versuche es aber. Mal mehr, mal weniger vorsätzlich. Schon damals als Achtjährige bei den Pfadfindern: jeden Tag eine gute Tat hat’s geheißen und ich hab’s versprochen. Hingekriegt hab ich es zwar selten, aber es blieb mir ein Anliegen und wahrscheinlich bin ich auch deshalb irgendwann beim Buddhismus gelandet.

 

Doch da ist diese seltsame Sache mit den Bettlern. Immer schon hatte ich Scheu vor ihnen und wollte nie Geld geben. Wobei nicht das Geld das Problem ist. Was dann? Keine Ahnung. Jedenfalls sagte ich mir eines Tages „das kann’s doch bitte nicht sein, dass du das nicht auf die Reihe kriegst!“

 Von da an hatte ich immer ein paar Münzen in der Jacke und jeder Bettler bekam etwas. Dass das mitunter ganz schön ins Geld ging, war nicht weiter schlimm. Aber es fiel mir auf, wie unangenehm es mir war, die Menschen anzusehen, wenn ich ihnen Geld gab, denn ich wollte ja eigentlich nicht in Kontakt mit ihnen treten. Das Geben war irgendwie kein wirklich gutes Gefühl.

 Also sah ich ihnen ab da in die Augen, lächelte sie an und wünschte ihnen alles Gute. Das klappte eine Weile ganz gut, doch dann fing ich an, die Motive der Bettler in Frage zu stellen. Klar, inzwischen war ich ja eine echte Kennerin der Szene ;-)

„Ist der auch so einer von einer rumänischen Bande, die hier ausgesetzt werden und am Abend eingefangen? Hat die junge Frau, die dort am Boden sitzt, ein Kissen unterm Pullover oder ist sie wirklich schwanger? – Halt, Stop, sag’ mal, hast du sie noch alle, Claudia? Wirst du jetzt Sachverständige für Bettelberechtigungen? Niemand erniedrigt sich zum Spaß. Wenn diese Menschen bessere Optionen hätten, würden sie sicher nicht betteln. Who am I to judge?“

Von da an lief es eigentlich richtig gut. Routiniert, ach so einfühlsam und fast ohne zu be- oder verurteilen. Doch dann passierte es. Kam voll bepackt aus dem Supermarkt, vor dem praktisch immer Bettler warten und drückte, freundlich lächelnd, dem jungen Mann, der da am Boden saß, einen Euro in die Hand.

Doch anstatt des üblichen Danke kam ein sehr verwunderter Blick zurück. In der nächsten viertel Stunde erfuhr ich, dass er Tscheche war, sich nicht ganz legal hier aufhielt, von seiner österreichischen Freundin wegen eines anderen Mannes vor die Tür gesetzt worden war und nun weder Geld noch eine Schlafgelegenheit hatte.

Da stand ich nun und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Er hatte nicht gebettelt, sondern war in seiner Verzweiflung mit einer Bierdose am Gehsteig vorm Billa gestrandet und ich hätte nur wirklich hinsehen müssen, um das zu erkennen. Und dann musste ich mir auch noch eingestehen, dass seine Bedürftigkeit meine Hilfsbereitschaft bei weitem überstieg. Klar, ich hätte ihm anbieten können, bei mir zu übernachten, einen Job für ihn zu finden und, und, und. Aber ich WOLLTE das nicht. Worum ging es mir also wirklich?

Diese Begebenheit ist mir kürzlich wieder eingefallen, als ich ein Buch[1] von Gendün Rinpoche las, einem sehr bedeutenden Lehrer der Karma Kagyü Tradition, der ich angehöre. Da steht:

 

Bei der Anwendung von Mitgefühl ist eure innere Absicht wichtig und nicht so sehr, was ihr äußerlich tut. Wir können niemanden allein aufgrund seines äußeren Verhaltens beurteilen, denn wir können nicht in seinen Geist sehen und wissen, was seine wahre Motivation ist. Entwickelt in euch eine wirklich mitfühlende Motivation und macht nicht viel Aufhebens darüber, was ihr für andere tut. Wenn ihr viel unternehmt und darauf wartet, dass andere euch etwas zurückgeben, gut über euch denken und so fort, dann handelt ihr nicht wirklich für andere, sondern für euren eigenen Nutzen.

 

Das war es also. Geben kann sich nicht richtig gut anfühlen, wenn die Motivation dahinter nicht passt und es so etwas wie der Mitgliedsbeitrag in den Club der Gutmenschen ist. 

Dem Bettler ist auch weiterhin egal, warum er was bekommt. Aber mir ist klar geworden, wie wichtig Achtsamkeit ist. In der Wahrnehmung der Menschen um mich herum, im Umgang mit ihnen und bei der Einstellung und der Motivation zu meinen Handlungen.

Der junge Tscheche hat mir also ein Coaching vom allerfeinsten verpasst. Könnten die Bettler meine Trainer für Achtsamkeit sein?

Vielen Dank für diesen Gastblog an Claudia!!

 

 


[1] Gendün Rinpoche: Lasst einfach los. Joy Verlag. 2. Auflage 2009. ISBN 978-3-928554-67-1

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